Robert Enke
geschrieben von: Daniel on Nov 13, 2009
Im Himmel wird einer ziemlich unsanft zu Fall gebracht. Jemand flucht.
„Das war Foul, Schiri!“, brüllt einer.
Der Schiedsrichter schüttelt den Kopf: „Quatsch. Det warn normaler Zweikampf.“
Aus dem Nichts kommt eine ziemlich dicke Wolke. Sie schwebt langsam über das Spielfeld. Die Wolke glüht.
Am Rand steht jetzt einer - er ist aus der Wolke gefallen. Er ist blass. Seine Augen ruhen. Der Trainer lüftet seinen Hut. "Junge. Zieh Dich um. Du kommst gleich rein."
Es regnet ein Paar Torwarthandschuhe. Fußballschuhe stehen auch bereit.
Dann ein Pfiff. Aus dem linken Tor löst sich einer. Er trabt langsam zur Seitenlinie, streift sich die Handschuhe ab.
"Dein Spiel Robert", sagt der Trainer.
Der Schiedsrichter pfeift das Spiel wieder an.
Ein neuer Mann steht im Tor.
Als mich die Nachricht vom Tode Robert Enkes erreichte, saß ich kreuzgequert also im heiligen Schneidersitz auf meinem Computerstuhl und fieberte dem Ende der Werbepause entgegen. Notorisch und immer unter Strom jagte ich per Fernbedienung quer durch die Kanäle. Vielleicht war ja etwas passiert. Passiert ja so wenig, in letzter Zeit. Ich sprang von Sendung zu Sendung und blieb schließlich an einem roten Balken hängen.
+++ Nationaltorhüter Robert Enke tot +++ Polizei vermutet Suizid +++
Eine Geschichte. So ist das heute. Es ist eine Geschichte. Persönliche tiefgreifende das Leben umwuchtende Dinge erfährt man in der Regel nicht über das Fernsehen – man wird angerufen oder bekommt Post. Das Nachhaltige wird uns noch immer auf regulärem Wege überbracht. Und dennoch: Es war eine traurige Nachricht. Es ist eine traurige Geschichte. Sie berührt mich. Ich trauere um einen Menschen, dem ich nie persönlich begegnet bin. Seltsam, eigentlich. Um einen verehrten Musiker kann man trauern, wenn dieser in das Leben eingegriffen, es untermalt, geprägt, und manchmal sogar verändert hat. Robert Enke war ein Sportler - ein bekannter aber nicht berühmter, ein zurückhaltender Mann, frei von übermäßigen Emotionen.
Robert Enke war kein Zirkuspferd.
Jetzt ist er eine 'große' Geschichte. Die diversen Fernsehstation, Radiosender, Zeitschriften, Tageszeitungen und Internetseiten haben für Tage Futter. Eindrückliche Bilder entstehen. Für den Nachblick. Bilder von Trauernden, von Unbeteiligten, von Nahestehenden. Aufnahmen trauernder Fußballgötter. Alle scheinen tief betroffen. Und auch die Tränen der Fans, ihre Verwirrung und Sprachlosigkeit wirkt echt. Da ist einer gegangen. Ein Guter. Ein junger Mensch. Erfolgreich. Talentiert. Mit Frau, Kind, Haus und Hunden. Das perfekte Leben.
Ein Torhüter ist allein. Er hat seinen Kasten. Seinen Raum. Und den muss er verteidigen. Jeder Mensch ist schwach. Jeder Mann ist schwach. Er darf es nur nicht zeigen. Schwäche irritiert. Offenheit irritiert.
Robert Enke war kein Star. Er war ein eher unscheinbarer Mann. Ein großartiger Torhüter. Ein Mann, der erst nach dem Tod seiner Tochter ins Rampenlicht geriet. Der schlimmste Schlag.
Eine Woche später stand Enke wieder auf dem Platz.
Er hat wohl vieles verschluckt. Wollte funktionieren. Er glaubte, dies wäre der einzige Weg.
Und man denkt an Sebastian Deisler.
Vielleicht hat Robert Enke dieses Szenario ständig in seinem Kopf durchgespielt. Das Deisler-Drama. Wie einer zu einer heulenden Diva stilisiert wird – weil keiner begreifen will: Die Millionen, die Aufmerksamkeit, die Auszeichnungen, die Nachhaltigkeit, all das verblasst oder verschwimmt, wenn die Seele krank ist und das alltägliche Leben aus den Fugen gerät. Auch ein millionenschwerer Fußballer hat das Bedürfnis nach Zuspruch, Liebe und Sicherheit. Sebastian Deisler hat den Absprung geschafft. Man kann sagen: Er hat die Krankheit überlebt.
Wer die Abgründe der menschlichen Seele kennt, kann kein zuverlässiger Torwart sein. In unserer Fußball-Realität. Ein deutscher Nationaltorwart muss mindestens aus Stahl sein. Bei einem ‚weichen’ Torhüter müsste man immer in der Sorge leben, dass dieser nach einer schwachen Leistung oder einer einzigen schwachen Aktion aus dem Stadion flieht. Man könnte ihm nicht vertrauen. Robert Enke konnte man vertrauen. Er war kein Maulwurf. Er rief nicht bei der Bildzeitung an um Internas auszuplaudern. Er spielte keine Spielchen, nur Fußball. Ein Vorzeigeprofi.
Robert Enke hat gekämpft. Er hat mehr kämpfen müssen als die meisten seiner Mitspieler. Er musste nicht nur gegen den Ball, gegen die Angreifer, gegen Wind und Wetter, gegen die Fans des Gegners kämpfen, er musste auch gegen sich selbst kämpfen. Gegen die Depression. Dieser Kampf war der Schwerste. Und am Ende hat er ihn verloren. Warum? Ich weiß es nicht.
Er war wohl einsam. Und traurig. Und am Ende nur noch ein Automat. Eine Hülle. Er hat seinen eigenen Tod geplant. Wie eine Sommerreise.Trotz der Liebe seiner Frau, seiner Freunde, seiner Fans. Es gab für ihn keinen Ausweg.
Es war nur ein Schritt. Eine Sekunde.
Unfassbar.
Die Stille. Das Schweigen. Der Blick zur Seite. Die nicht gestellten Fragen. Die fehlende Vehemenz. Das Desinteresse. Die fehlende Zeit.
Fußball ist brutal, roh und laut. Und befriedigend wie guter Sex. Robert Enke hat dieses Spiel geliebt. Und gehasst. Auf der einen Seite hat es ihm geholfen die einsame Spur zu verlassen, und sich im Wettkampf mit anderen zu beweisen, abzulenken. Das gelang. Phasenweise. Doch meist saß er wie das Kaninchen vor der Schlange. Immer in der Angst gefressen zu werden. Jeder Fehler. Jedes schlechte Spiel war ein Schlag. Ein doppelter Schlag.
Die Welt ist groß. Nur für Raumfahrer nicht.
Der Ball kommt scharf. Er rast knapp über der Grasnarbe. Und flattert. Dann setzt er auf.
Wie gemein, denkt sich Gott. Ein Aufsetzer. Den hält er nicht.
Sekunden später schläft der Ball. Er liegt eingebettet zwischen zwei Handschuhen.
"Gut gehalten Robert!", ruft der Boss.
Und auch Sepp Herberger lüftet zufrieden den Hut. Er schaut zum Himmel. Der Himmel ist etwas bedeckt. Die Sonne kämpft mit einer Wolkenfront.
Robert Enke Wetter.
Kommentare und Anteilnahme: Forum
Gruppe: Wir trauern um Robert Enke

activeactionman
said:
|
ja! hab´s eben erst gelesen...ein schöner, fussballfantypischer Abschied. Toll. |
|
Ententanz
said:
|
... Eben gab´s bei England-Brasilien eine GedENKEminute! Was für eine Trauer weltweit. Montag ist Enke auchg das Titelthema im Spiegel. Aber zum Artikel: Enke Wetter. Schön. Nicht ganz so regnerisch wie dem Fritz sein Wetter. |
|
Sigi Ahrens
said:
|
Sky vs. Earth Bewegend! Die Ironie: "Sky" überträgt nur Spiele unter den Wolken. Oben überträgt dann wohl "Earth". Aber der ist dann wohl hoffentlich gratis. Oder nicht? Wir werden es alle irgendwann erfahren. |
|