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Fußball als Event

geschrieben von: Fabian Rustemeier

Der Traum nach Giesing zurückzukehren ist wohl endgültig ausgeträumt. Die Stadt München will nicht, dass die Sechziger ihr altes Stadion an der Grünwalder Bundesliga tauglich umbauen. Stattdessen müssen die Löwen in der gehassten Arena des noch mehr gehassten Stadtrivalen bleiben. Die Sehnsucht der Sechziger nach ihrem alten Stadion ist durchaus nachvollziehbar. Schließlich steht die Arena für all das Moderne und die Kultstätte in Giesing für die Tradition und Leidenschaft am Fußball.

 

 

 

England ist das Furchtmodell aller Fußballfans, wenn sie vor dem „Modernen Fußball“ warnen. Auf der Insel ist die Fankultur in den letzten Jahren immer weiter ausgestorben. Der Zuschauer ist vom Fan zum Kunden verkommen. Fußball als Massenbelustigung, genauso wie DSDS oder GNTM. Galt früher die Anfield Road in Liverpool als großes Vorbild für die Fans in Deutschland, schaut heute ganz Europa auf die stimmungsvollen Stadien der Bundesliga. Scharenweise pilgern Wochenende für Wochenende Fans aus England nach Deutschland um sich die Spiele der Bundesliga anzuschauen.
 
Doch der Trend aus England ist schon längst auch in Deutschland zu beobachten. Stehplatzränge werden verkleinert, zugleich weniger Fans in den Kurven zugelassen. Logen werden hingegen ausgebaut. Im Stadion, oder wie man modernerweise sagt, in der Arena, steht schon längst nicht mehr der Fußball und das Anfeuern und Mitfiebern im Mittelpunkt. Geld spielt nicht nur mehr eine wachsende Rolle im Fußball, das Geld ist das Maß aller Dinge geworden. In den Logen schaut man sich das Spiel eher nebenbei beim Champagner-Schlürfen auf den Bildschirmen an, statt draußen in der Kälte mit seinen Jungs mitzuleiden. Doch das Mitleiden mit seiner Mannschaft, gerade das ist es, was einen Fan ausmacht. Alle andern sind, um es mit Frank Goosen zu sagen, einfach nur Zuschauer.
 
Nein, Leiden kann man dem modernen Zuschauer im Stadion wirklich nicht mehr abverlangen. Die heutige Gesellschaft will unterhalten werden und sich nicht durch den Abstiegskampf quälen. Spielt die Mannschaft schlecht, wird schon mal gepfiffen. Von „You’ll never walk alone“ hat man hier noch nichts gehört. Nein, die sollen da unten auf dem Rasen Kunststücke vorführen. Man will sich schließlich amüsieren. Früher ging man dafür in den Zirkus, heute zum FC Bayern. Kommt man in ihre Arena glaubt man eher in einer Großraumdisko als in einem Fußballstadion gelandet zu sein. Lady Gaga und Keri Hilson dröhnen aus den Lautsprechern. Die Supporter in der Südkurve werden hingegen immer weniger und immer leiser. Stadionsprecher müssen die Kurven heute schon durch den nervigen Wechselsprech „Schalke – Eins – Dortmund – Null – Danke – Bitte“ einheizen. Fußball muss eben ein Event sein.
 
Am eindrucksvollsten erkennt man den Wandel des Fußballs an der Entwicklung der Stadien. Neun der 18 Bundesligastadien heißen mittlerweile „Arena“. Allein dieses hässliche Wort drückt schon den Eventcharakter der heutigen Bundesligaspiele aus. Arenen waren früher die Schauplätze, wo die Römer ihr Volk bei Laune hielten. „Panem et Circenses“, Brot und Spiele, nannte der römische Dichter Juvenal damals die Massenunterhaltungen, die das Volk von den Problemen der Zeit ablenken sollte.
 
Viele alte traditionsbewusste Fans erzählen hingegen von den guten alten Zeiten, als die Sechziger noch in Giesing spielten und der HSV im Volksparkstadion kickte, den Namen seiner Arena nicht alle zwei Jahre wegen einem neuen Sponsor ändern musste. Damals standen die Stadien noch mitten in Arbeitervierteln. Nebenan kein Industriegebiet und keine Autobahn. Der Fußball stand mitten im harten Leben. Der Fußball war Abwechslung zum Alltag. Der Fußball war nicht irgendein Spiel, das die Massen unterhalten sollte. Es war Lebensmittelpunkt, Religion, Alltagsbewältigung.
 
Heute kaufen sich in England Milliardäre diese Klubs und verscherbeln damit ihre Seelen. In Deutschland ist man heute immerhin schon so weit, dass ein Hopp zum Freizeitvertreib seinen Klub von der Kreisklasse bis in die Bundesliga pusht. Fans, die diese Praxis zu Recht anprangern, werden nicht nur von Kommerzsendern wie sky und DSF sondern sogar von den öffentlich-rechtlichen Sendern als „Ewiggestrige“ und „Unverbesserliche“ abgekanzelt. In einer Gesellschaft, wo sich die Reichen einen Vizekanzler kaufen können, kann das beim Fußball natürlich nicht anders sein. Auch ARD und ZDF geht es nur noch ums Geld machen mit dem Fußball. Die Seele des Fußballs ist längst verkauft. Eine Rückkehr zum Fußball voller Leidenschaft und Hingabe ist genauso unrealistisch, wie die Rückkehr der Sechziger in ihre Kultstätte in Giesing.

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Jetzt im Forum diskutieren: "Kommerzialisierung im Fußball"

 

 

 

 

 

 

Kommentare (4)add comment

Michael Schwarz said:

Michael Schwarz
...
Ganz Europa beneidet uns um unsere Stadionkultur, ich hoffe jetzt einfach mal nicht, dass der DFB und die DFL so komplett verblödet sind, das zu zerstören.
Ich denk eh dass das Fass bald übergelaufen ist, die Beamten beim DFB machen ja von morgens bis abends nichts anderes als Sanktionen zu verhängen, Geldstrafen auszusprechen, Zuschauerlimits zu verordern und Stehplatzbereiche zu schließen.
Da werden sicherlich ganz bald mal ein paar Jungs in Frankfurt am Gitter reißen.
 
März 25, 2010
Votes: +0

Fabian Rustemeier said:

Fabian Rustemeier
@ Michael Schwarz
Richtig, man kann auch auf Sitzplätzen stehen. Würde man aber die Südtribüne in Dortmund versitzplatzen, dann passen da nur noch 11.000 drauf. Jetzt stehen da bei BL-Spielen 25.000. Es würde also etwas an Fußballkultur kaputt gehen. Die größte Stehplatztribüne Europas nämlich ...
 
März 25, 2010
Votes: +1

Michael Schwarz said:

Michael Schwarz
Stehplätze
Fußball ist halt teilweise einfach korrupter als die Politik!
Jeder Fußballverein in Deutschland bekommt sein Stadion von der Stadt entweder mietfrei oder zu einem Witzpreis überlassen oder bekommt gleich das ganze Stadion + Trainingsgelände geschenkt. 60 muss in dieser Drecksarena dem FCB jährlich 5 Mio Euro in den Arsch schieben und die Stadt weigert sich entgegen jeder Anstrengung seitens des Vereins, alleine mal Pläne zur Prüfung einer Machbarkeit durchgehen zu lassen. Ja leck mich doch am Sack, da steckt doch eh wieder der Würschtel Uli dahinter, zuerst haben wir ihm a) politisch geholfen dieses Schlauchboot überhaupt bauen zu dürfen, dann haben wir ihm b) die Hälfte vom Stadion finanziert, nachdem wir uns das nicht leisten konnten hat er uns "großzügig" unsere kompletten Anteile für c) einen Witzbetrag abgelöst, führt sich jetzt d) als großer Retter auf und will e) noch den letzten Euro Miete aus uns rauspressen so lange der Mietvertrag geht (Querverweis: Catering).

Nehmen wir doch mal den FCK als vergleich: die bauen ein fettes WM-Stadion, können sich das nicht leisten und die Stadt springt gönnerhaft ein, es wird ne "Stadionbetreibergesellschaft" gegründet, deren einziger Gesellschaft die Stadt ist, und die Übernehmen das Stadion und das Trainingsgelände mit ner 70-Millionen-Bürgschaft. Und wenn es jetzt darum geht, die Miete zu drücken, dann muss hier keiner mit nem Rumenigge oder Hoeneß verhandeln, da wird einfach schön von der linken in die rechte Tasche geschoben.

Ganz abgesehen von so Kackvereinen wie Hoffenheim oder deren kleinen Brüdern, den Datschiburgern. Denen wird mal mir nichts dir nichts ein megafettes Stadion hingestellt, zwar diesmal nicht durch die Stadt, aber auch da wissen wir wie's läuft.
Selbst Ingolstadt (!) bekommt eine moderne Millionen-Arena, da hörts doch auf!

Mein Vorschlag:
Uli, zeig dich endlich erkenntlich dafür dass du uns die letzten 10 Jahre ausgepresst hast wie eine scheiß Zitrone!
Schenk uns deinen Franzosen, wir verkaufen ihn meistbietend nach Dubai oder sonstwohin als Croissant-Falter, von der Kohle kaufen wir der korrupten Stadt München das Gelände ab und lassen Manni Schwabl ein obergeiles Stadion (nicht ARENA) mit 40.000 Stehplätzen bauen. Die Kohle sollte ausreichen um die korrupte DFL und den DFB zu schmieren, dass wir ne Ausnahmegenehmigung bekommen für "nur Stehplätze". Zum Dank schicken wir dir die Cosa Nostra vorbei und die malt euch eure grauen Sitzschüsseln in jeder Farbe an, von der du nachts träumst.

So, soviel zum Sachverhalt "Grünwalderstadion".

Ganz allgemein: die DFL und der DFB sollen ruhig mal versuchen, die Stehplätze in der Bundesliga verbieten. Man kann auch auf Sitzplätzen stehen.
 
März 25, 2010
Votes: +1

Sylvia T said:

Sylvia T
schöne Randnotiz...
...du triffst das Thema sehr gut! Aus der Nummer kommt der Profifussball nie wieder raus...
 
März 25, 2010
Votes: +0

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